Nachdem der von mir geschätzte Andreas in seinem Beitrag über die Vorschläge von Herrn Sarrazin bezüglich des Energieverbrauchs Zustimmung äußerte, muss ich natürlich widersprechen. Kann aber nicht kommentieren, ohne irgendwo angemeldet zu sein, daher hier.

Herr Sarrazin regt sich drüber auf, dass einige Leute im Winter mehr als 16°C in ihrer Wohnung haben wollen. Hatte er früher auch nicht, sollen sie sich halt Pullover kaufen. Solche Vorschläge kommen sonst von extra3 oder der Titanic.

greifen wir den Gedanken auf und machen einmal weiter: ich esse kein Frühstück. Also braucht niemand Frühstück. Ich trinke kein Bier: kann abgeschafft werden. Früher hatten wir nur Kopfsteinpflaster: keine Straßenreparaturen mehr. Im Auto sehe ich nichts, also müssen Fahrräder auch mal auf die Vorfahrt verzichten.

Na ja, das ist nicht so witzig wie erwartet. Also anders:

Da sind letztes Jahr die Energiepreise von staatlicher Seite freigegeben worden und wider Erwarten und zum großen Erstaunen aller Politiker haben die Konzerne daraufhin die Preise erhöht. Dauernd, Ständig. Statt etwas dagegen zu tun, wird der Zustand, dass die Energiepreise sich den Mieten angleichen als normal abgetan, etwas, an dem sich nichts ändern lässt. Wer sich das jetzt nicht mehr leisten kann, und die Betonung liegt auf kann, der wird jetzt verhöhnt, dass er sich ja wärmer anziehen kann. Und wer nichts mehr zu essen hat, kann sich ja Brennesselsuppe kochen, die wachsen ja am Wegesrand.

Das ist schon ein starkes Stück: keine soziale Verantwortung mehr zu zeigen, polemisch alle Hilfsbedürftigen als Verschwender und Nichtstuer zu bezeichnen und dann noch Beifall zu kriegen. Schwach, aber passend.

Übrigens: wer Sarrazins Ernährungsplan befolgt, hat nicht genügend Energie, um im Pullover bei 16 Grad leben zu können.

Und, Herr Sarrazin, dass die Kinder von Hartz IV-Empfängern zu dick sind, liegt daran, dass gutes Essen sehr teuer ist, das billige Essen aber ungesund und fett, z.B. alles, was aus Dosen kommt. Mehr können sich die Leute aber nicht leisten.

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9 Comments

  • Ich sehe in dem Interview von Herrn Sarrazin nirgends den Zusammenhang, dass *nur* Hartz-4 Empfänger sich warm anziehen sollen. Es ging um generelle Eingriffe der Politik in die Preisentwicklung. Und da hat er nunmal Recht. Das ist kein Verhöhnen und keine Stimmungsmache. Und er regt sich auch nirgends auf, dass es Leute wärmer als 16°C haben wollen. *Das* ist Stimmungsmache.

    Zum Ernährungsplan … hm … da habe ich mich damals nicht mit beschäftigt. Aber ich habe mal beispielhaft die Abbuchungen unserer Lebensmitteldiscounter für 2 willkürliche Monate durchgesehen. 3 Personen, 370 Euro im Monat. Je Person 123,33 Euro im Monat. In der von Dir verlinkten Seite ist von 4 Euro am Tag die Rede. Macht bei 30 Tagen ziemlich genau 120 Euro. In unseren 123 Euro pro Person/Monat sind allerdings auch schon meine ziemlich teuren und sicher nicht nötigen Cola-Light-Kisten enthalten. Nicht enthalten sind die kleinen Snacks zwischendurch, die aber sicher nicht zu „gesunder Ernährung“ zählen.

    Ich bin nicht der Meinung, dass bei Hartz-4 alles richtig läuft, oder das jemand davon in Saus und Braus leben kann. Aber nicht alles was als Ratschlag in Richtung Einschränkung geht ist Verhöhnen und Stimmung machen.

  • In der Tat, er hat nicht nur von Hartz-4-Empfängern gesprochen. Hast Du recht. Bei den Eingriffen der Politik bin ich anderer Meinung, Energie darf m.E. nicht zu teuer werden, weder für Privatpersonen noch für Firmen. Das sollte im Interesse des Staates liegen. Noch dazu, wo wir auf diesem Gebiet Quasi-Monopole haben, bei denen der Staat eigentlich handeln muss.

    Dass die Leser des Focus den Staat natürlich raushalten wollen, ist mir klar. Die Reaktionen bei der taz sind sicher anders. Beides würde ich nicht als Volkes Stimmung heranziehen.

    Zum Essen: ich würde mit 4 Euro pro Tag nicht hinkommen, schon in der Kantine, in der ich esse, kostet ein Essen mehr. Ich weiß nicht, ob es gehen würde, ich habe es nicht durchgerechnet. Der Essensplan, den Sarrazin aber aufgelegt hat, mit der täglichen Currywurst, ist mies.

  • Wenn ich bei uns in der Kantine essen würde, läge ich auch drüber. Und sicher esse ich in der Mittagspause auch belegte Brötchen beim Bäcker. Aber das muß ich nicht. Und darauf kommt es an. Ich habe das Glück, berufstätig zu sein, richtig. Und ich habe dadurch auch mehr Geld zur Verfügung als andere. Und auch richtig (ich hab’s in meiner Signatur) „There’s always a bigger fish“. Ich kann mir viele Dinge nicht leisten, die sich andere leisten können. Darum verlange ich aber nicht nach einer Subventionierung.

    In diesem Fall geht es allerdings um die grundlegenden Dinge des Lebens, auch richtig. Sehe ich ein. Trotzdem sehe ich die Aussage nicht ehrenrührig, sondern realistisch. Was war denn mit den autofreien Sonntagen in den Siebzigern? Warum wurde da verzichtet? Ich verzichte aktuell auf mein Auto und habe am 02.07. zuletzt getankt. Klar, kann auch wieder nicht jeder. Ich habe im Winter die Heizung in den meisten Räumen des Hauses aus und sitze mit Fleecejacke am Rechner.

    Wie schon gesagt, ich halte unser soziales System für stark verbesserungsbedürftig und ich finde die aktuelle Entwicklung der monetären Verteilung im Lande sehr, sehr bedenklich. Aber nur weil die Wahrheit manchmal weh tut, ist es nicht gleich Hetze. Meine Oma sagte immer: „Wenn’s weh tut, hilft’s …“ … dass man nicht bei denen mit dem Wehtun anfangen soll, denen es eh schon schlecht geht, ist klar. Aber Sarrazin hat eben nicht nur diese Gruppe angesprochen. Auch wenn die sich angesprochen fühlt und die die ebenfalls gemeint sein, leider nicht. Nur darum gleich den Überbringer der Botschaft geißeln?

    Vielleicht macht es mehr Sinn, diese Botschaft denen klar zu machen, die sich nicht angesprochen fühlen. So X5-Fahrer, Cayenne-Treiber, unter’m Heizpilz-Sitzer und Raucher (zu letzteren: 😉 )

  • Die Frage ist: hast Du diese „Nebenkosten“ für belegte Brötchen und alles sonstige Essen bei Deinen Preisberechnungen für den Monat einbezogen?

    Zurück zur Energie: im Gegensatz zu Geld für Auto, Freizeit, Kinobesuche etc. ist Wärme ein Grundbedürfnis. So wie warmes Wasser, Arztbesuch, Waschen, Hygiene. Das alles sind Sachen, die in letzter Zeit drastisch eingeschränkt und teurer wurden.

    Jetzt trifft das zunächst die Arbeitslosen. Nicht mehr lange, und es trifft auch Normalverdiener, die sogenannte Mittelschicht. Die Amerikaner wollten das auch nicht glauben, jetzt ist es passiert. Müssen wir warten, bis Familien zwischen Essen, wohnen heizen, waschen, etc. wählen müssen, bevor klar wird, dass der Profit einzelner Konzerne nicht wichtiger ist als Menschen?

    Und zu Herrn Sarrazin: evtl. werden seine Worte für Berliner auch eher mit den Einsparungen verbunden, die er in B. vornimmt. Soziale Programme, Eingliederung, Unterstützung der Schwachen: vergiss es. Das gehört zum Sparpotential. Entsprechend überrascht sowas wie die Rütli-Schule nur wenige Leute.

    Der Mensch hat einfach kein soziales Gewissen. Mag sein, dass er das auch nicht haben sollte als Finanzsenator, macht seine Aussagen aber auch nicht besser.

  • Nein, diese „Nebenkosten“ habe ich nicht eingerechnet – schrieb ich ja. Aaaber, ich habe eben auch etwas mehr zur Verfügung. Das ist Luxus, den ich nicht unbedingt benötige und darum nicht in diese Überlegung einzubeziehen. Wenn ich dieses Geld nicht zur Verfügung hätte, gäbe es eben nicht ab und zu ein Brötchen mit Frikadelle beim Bäcker, sondern jeden Tag nur Brot mit Mortadella.

    Und natürlich trifft es zunächst diejenigen, die wenig zur Verfügung haben. Toll finde ich das auch nicht. Aber ich bin trotzdem der Meinung, dass man dann sagen darf, was eigentlich jedem klar sein sollte. Leider ist es eben *nicht* jedem klar. Weder bei der Gruppe der Leute die sich einen Dreck drum scheren müssen, ob die Milch 20 Cent oder 20 Euro kostet, als auch bei der Gruppe, denen 20 Cent für ’n Liter Milch wahrscheinlich noch zu viel ist.

    Wie schon mehrfach gesagt, an unserem System muß dringend etwas geändert werden. Es kann nicht sein, dass Unternehmen zigtausende Mitarbeiter aus Kostengründen entlassen und gleichzeitig Milliardengewinne ausweisen. Absolute Zustimmung. Es kann auch nicht sein, dass Vertreter einer Gewerkschaft … oder meinetwegen Umweltminister … sich auf unsere Kosten durch die Gegend fliegen lassen – für Juppidei.

    Es kann aber auch nicht sein, dass man einem Menschen, der das Fenster auf hat und die Heizung auf volle Pulle bullern lässt, nicht sagen darf er soll das mal lassen, nur weil er Hartz-4 bezieht. Das ist jetzt alles überspitzt, ist klar, soll nur das Prinzip erklären.

  • Aber genau das ist das Problem: überspitzte Aussagen. Er sagt Leuten, die es sich nicht leisten können, was sie zu essen haben. Er sagt Leuten, die es sich in Zukunft nicht leisten können, eine warme Wohnung zu haben, dass das ok ist, man muss sich nur einen Pullover anziehen. Und früher gingen 16 Grad auch.

    Das halte ich für falsch und unredlich. Es geht nicht um Leute, die bei offenem Fenster heizen. Es geht um Leute, die sich die Heizung nicht mehr leisten können. Das ist in unserem Land schlimm.

    Und ja: er könnte was dagegen tun. Macht er aber nicht, weil er den Energiekonzernen (in Berlin konkret Vattenfall) den Gewinn nicht schmälern will. Das ist zur Zeit Politik.

  • In einem anderen Blog wird gerade sehr schön über jemanden geschrieben, der zur Zeit erwerbslos ist und über dessen Einstellung zur Umgebung. U.a. steht wird dort auch meine Meinung bestätigt, dass es von dieser Sorte Menschen einige gibt.

    Ich bin schon der Meinung, dass genau solche Leute die richtigen Adressaten für die Aussagen Sarrazins sind – neben den von mir oben schon genannten Spezialisten, die sich alles leisten können und dann auch raus pusten.

    Das es dazwischen auch ganz viele gibt, die anders sind und wenig Möglichkeiten haben sehe ich genauso. Und natürlich ist das Mist. Darum wird die Aussage aber nicht unlegitimer. Ich habe heute eine nette Mail von einem Kinobetreiber bekommen, der sich zu einer Beschwerde meinerseits über die Häufung der Antipiraterie-Spots äußerte. Auch dort ist es blöd, dass ich das sehe, obwohl ich nicht der richtige Adressat bin. Allerdings wies er daraufhin, dass die Spots durchaus auch von Leuten gesehen werden, die bisher noch nie was runter geladen haben, weil sie noch nicht daran gedacht haben. Und die werden schon sensibilisiert. Die Sache „runterladen von Filmen“ an sich, finde ich nämlich auch asig. Ich werde trotzdem in Zukunft diese Aussage „Raubkopierer sind böse“ im Kino scheiße finden, kann aber auch ein klein wenig seine Seite verstehen.

    Was Sarrazin abseits dieser Aussage noch so veranstaltet, weiß ich leider nicht im Detail. Auch das ist ein Problem der Gesellschaft – man liest und hört immer nur die Spitzen. Darf ich deshalb zu einer Spitze nicht mehr kommentieren? Nunja, schwierig. Ich denke, wir sind uns im Allgemeinen schon einig … vielleicht nicht bei dieser einen Aussage.

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